Monika Frei-Herrmann Gestaltung | Fotografie
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Koch-Geschichten von starken Frauen aus einem Jahrhundert

 

Tante Gotchen

Tante Gotchen sang „Dein ist mein ganzes Herz“ und andere Lieder von Rudolf Schock. Ihre helle Sopranstimme klang bis in den Garten. Wenn sie sang, kochte sie und dann war sie glücklich. Kam sie bei „Ich bin die Christel von der Post" an, erklang bald: „Kinder, essen!“ Meine Cousine und ich rannten in die Küche, wo Oma Lisbeth schon den Tisch gedeckt hatte. Opa Heinrich freute sich, Grüne Sosse mit Kartoffeln konnte er auch mit den wenigen Zähnen, die ihm geblieben waren, gut essen. Zum Nachtisch Grießbrei mit frischen Himbeeren, die wir im Garten gesammelt hatten. Tante Gotchens Essen war himmlisch, ich liebte alles, was sie kochte oder buk.
 

Sonntags gab es Riwwelkuchen. Das war ein ganz einfacher Hefeteig mit Streuseln (Hessisch „Riwweln“) drauf. In Streifen geschnitten tunkten wir die trockenen Stücke an den folgenden Wochentagen in den Kaffee. Oma Lisbeth trank den Kaffee stark und schwarz, wir Kinder bekamen Muckefuck.


Tante Gotchen, die ältere Schwester meiner Mutter, hat sehr früh die Arbeit in Küche und Haushalt ihrer Mutter übernommen. Diese dankte es ihr mit grösstem Lob und Anerkennung, heilfroh, die ungeliebte Küchenarbeit loszusein. Tante Gotchen verstand es mit wenig Geld und sehr großem Kochtalent ein breites Spektrum an köstlichen Gerichten zu zaubern. Die Produkte aus dem Nutzgarten waren die Basis, Fleisch gab es nur zu besonderen Anlässen.

Vermächtnis von Tante Gotchen

Fluffiger Kartoffelsalat

Hätte Tante Gotchen nicht überraschend die ganze große Familie zu Besuch erwartet, wäre dieses Rezept vielleicht nie erfunden worden. So raffte sie in ihrem Garten Gurken, Radieschen, Schnittlauch und Dill zusammen. Kartoffeln gab es im Keller und Eier im Stall. Mit Essig, Öl und einem Glas Saure Gurken zauberte sie diesen – mir unvergessenen – fluffigen Kartoffelsalat, den ich schon oft wiederholt habe.

Karamellisierte Möhrchen

Als Kind habe ich gerne im Garten von Tante Gotchen die jungen Möhrchen aus der Erde gezogen, genascht und das Grünzeug wieder in den Boden gesteckt. Das welke Laub hat mich bald verraten und mein kleines Glück beendet. Ganz gleich, ob roh mit Dip, als Salat oder gekocht, Möhren sind lecker. Das Karamellisieren der Möhren unterstreicht den Eigengeschmack und macht sie einzigartig.

Arme Ritter

War im Garten der Rhabarber reif, gab es bei Tante Gotchen Rhabarber-Kompott mit Arme Ritter. Wir Kinder liebten das einfache Gericht und konnten es früh schon selber zubereiten. Eier, Milch, Zucker miteinander verquirlen, Brotscheiben darin kurz einweichen lassen und dann in der Butterpfanne knusprig von beiden Seiten braten. Einfach köstlich.

Grießflammeri und Beeren

Als Kind begeisterte mich das Märchen vom Schlaraffenland, wo der Grießbrei ohne Ende aus dem Töpfchen quillt. Statt endloser Völlerei nun höchster Genuss: Der Grießbrei ist in ein paar Minuten gemacht. Leicht und luftig wird der Flammeri durch den untergezogenen Eischnee. Zu einem Augenschmaus wird er durch die Beeren in der Fruchtsoße, deren Zusammenstellung je nach Jahreszeit variieren kann.

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