Tante Henny

„Heute koche ich was leichtes" sagte Tante Henny gerne und auch oft. Dann gab es etwas mit Eiern. Was sie mit „leicht" meinte, ist mir nie klar geworden. Tante Henny hatte Hühner, aber keinen Hahn. „Wegen der Nachbarn", vertraute sie mir einmal an. Im Frühjahr, bevor der Gemüsegarten angelegt wurde, wanderten die Hühner in einem mobilen Zaun über die noch leeren Beete. So würden alle Larven, Käfer und Schnecken gefressen, bevor sie schlüpfen, erklärte sie mir. Nachts schliefen die Hühner im gut verschlossenen Stall. Sehr früh am Morgen öffnete Tante Henny, noch im Nachthemd, die Hühnertüre mithilfe einer Kurbel. Diese war mit einem langen Draht verbunden und reichte vom Haus quer durch den Garten bis zum Stall in der hintersten Gartenecke.

 

Wenn ich als Kind Tante Henny besuchte, schlief ich in einer Kammer, die im Dachboden abgetrennt war. Die hübschen weissen Möbel mit Blumenornament stammten aus Hennys Mädchenzeit. Aber das schönste an der Kammer war ein winziges Fenster mit weitem Blick über den Garten. Von dort oben kam ich mir vor wie Heidi beim Almöhi in den Bergen.

Vermächtnis von Tante Henny in Mein kulinarisches Erbe

 

Grüne Sosse

Frühlings-Fitmacher
Im Mai gab es bei meinen Tanten in Hessen Grüne Soße. In der Wahl der Kräuter waren sich die Cousinen aber keineswegs einig. Tante Henny, mit großem Garten, schwor auf traditionell sieben Kräuter: Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Tante Gotchen, die bessere Köchin, ergänzte mit dem was es gerade gab: Zitronenmelisse, Dill, Liebstöckel. Heute ist es einfach: es gibt die sieben Kräuter bereits zusammengestellt im Handel zu kaufen.

 

Apfel-küchlein

Lieben nicht nur Kinder  
Wer mag das nicht? Der Traum jeder Kindheit. Ich liebte die Apfelküchlein meiner Mutter, die sie mit Zucker und Zimt servierte. Aber am köstlichsten waren die Apfelküchlein bei Tante Henny, denn sie hatte Hühner. Ich durfte die Eier im Stall holen. Je nachdem wie fleißig die Hennen gelegt hatten, gab es viel oder sehr viel Apfelküchlein. Die Hennen hatten Namen und kamen gackernd gerannt wenn Tante Henny sie rief. Das Lieblingshuhn ging wie ein Hündchen mit ihr im Garten spazieren. Ruhte Tante Henny auf der schattigen Bank, lag das Huhn zu ihren Füßen in einer sandigen Kuhle.

 

Träubles-Kuchen

Hessische Spezialität
Dieser Johannisbeer-Kuchen mit Baiserhaube ist ein Rezept von meiner Tante Henny aus Hessen, die mich als Kind – aber auch später – mit wunderbaren Obst-Kuchen verwöhnt hat. Ich habe alle ihre Rezepte und dieses ist eines für ganz besondere Anlässe. Tante Henny hatte einen großen Obstgarten und sich darauf spezialisiert, alte Obstsorten anzupflanzen und sie zu verwerten: Kuchen backen und Konfitüre einkochen waren ihre Lust und Leidenschaft.